Die offene Hintertür
Essay #008 · 2026 · Lesezeit 5 min · Feld: Recht / Mitbestimmung · Markt: alle
In den Unternehmen, die ich kenne, ist KI längst im Einsatz, meist ohne dass es je eine Entscheidung dazu gab. Der typische Verlauf: Irgendwann in den vergangenen zwei Jahren hat eine Mitarbeiterin einen Browser-Tab geöffnet, einen Text in ein Eingabefeld kopiert und eine Antwort bekommen, die ihr Stunden ersparte. Erzählt hat sie es niemandem, nicht aus Heimlichkeit, sondern weil es ihr nicht der Rede wert schien. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass dieser Verlauf auch in Ihrem Unternehmen so stattgefunden hat.
Die Frage ist also nicht mehr, ob KI in Ihr Unternehmen kommt. Sie ist schon da. Die Frage, die Ihnen bleibt: durch welche Tür sie hereinkommt.
Hintertür und Vordertür
KI gelangt durch zwei Türen ins Unternehmen.
Durch die Hintertür kommt sie, wenn Mitarbeitende selbst mitbringen, was öffentlich verfügbar ist: einen Chatbot über den privaten Account, einen Übersetzungsdienst, einen Bildgenerator. Niemand hat es angeordnet, niemand hat es verboten. Es passiert einzeln, von unten, unsichtbar. Sie als Geschäftsführer erfahren davon beiläufig oder gar nicht.
Durch die Vordertür kommt sie, wenn das Unternehmen die Nutzung selbst in die Hand nimmt: ein Werkzeug auswählt, Firmen-Accounts einrichtet, Regeln festlegt, womöglich die eigenen Daten anbindet. Das passiert sichtbar und von oben. Es ist eine Entscheidung, kein Vorgang.
Die meisten Unternehmen, mit denen ich spreche, haben heute nur die Hintertür offen. Das ist keine Statistik, sondern meine Beobachtung; sie deckt sich aber mit dem, was Studien seit Jahren als „Schatten-IT” beschreiben: Werkzeuge, die im Unternehmen arbeiten, ohne dass das Unternehmen es weiß.
Was das Arbeitsrecht unterscheidet
Das deutsche Arbeitsrecht behandelt die beiden Türen unterschiedlich, und zwar genau umgekehrt, als man erwarten würde.
Der Fall, an dem sich das zeigt, betraf keine heimliche Nutzung. Das Arbeitsgericht Hamburg entschied Anfang 2024 über einen Arbeitgeber, der seinen Mitarbeitenden die Nutzung von ChatGPT für die Arbeit ausdrücklich erlaubt hatte: über deren private Accounts, begleitet von Nutzungsregeln. Der Betriebsrat verlangte Mitbestimmung. Das Gericht lehnte ab: Da die Accounts privat waren, hatte der Arbeitgeber keinen Zugriff auf die Nutzungsdaten. Ohne diesen Zugriff keine Möglichkeit der Überwachung — und ohne Überwachungsmöglichkeit keine Mitbestimmung nach § 87 Betriebsverfassungsgesetz.
Die Gegenprobe steckt im selben Beschluss: Stellt der Arbeitgeber ein Werkzeug bereit, dessen Nutzungsdaten er sehen kann (egal ob eingekauft oder selbst gebaut), dann ist das mitbestimmungspflichtig. Es war ein Eilverfahren, und ein einzelner Beschluss ist kein Gesetz. Aber die Linie ist klar: Entscheidend ist nicht, welches Werkzeug genutzt wird, sondern ob der Arbeitgeber die Nutzung sehen und steuern kann.
Das ergibt eine eigentümliche Schieflage. Die Hintertür, also ungesteuerte private Accounts, ist rechtlich der einfachere Weg. Die Vordertür, die kontrollierte Einführung mit Firmen-Accounts und Datenzugriff, ist der aufwendigere. Wer es sich einfach machen will, lässt die Hintertür offen.
Warum die Hintertür bequemer wirkt
Daraus ergibt sich eine Rechnung, die auf den ersten Blick eindeutig aussieht.
Die Vordertür kostet: eine Auswahlentscheidung, ein Budget, eine Anbindung an die eigenen Systeme. Wo es einen Betriebsrat gibt, kommt die Verhandlung über eine Betriebsvereinbarung dazu. Das ist Arbeit, Reibung, Zeit.
Die Hintertür kostet scheinbar nichts: keine Lizenz, keine Verhandlung, kein Prozess. Die Mitarbeitenden haben sich die Werkzeuge ohnehin schon besorgt. Man muss es nur weiter geschehen lassen.
Wer allein auf diese Rechnung schaut, wählt die Hintertür und spart sich den Aufwand.
Was die Hintertür wirklich kostet
Die Rechnung vergleicht aber die falschen Größen. Sie stellt Aufwand gegen Aufwand. Die beiden Türen unterscheiden sich jedoch nicht im Aufwand, sondern in der Kontrolle.
Wer die Hintertür offen lässt, entscheidet im selben Zug mit: dass er nicht weiß, welche Daten in welche Dienste fließen. Auf Grundlage welcher Maschinen-Antworten seine Leute arbeiten. Welche Teile der Wertschöpfung inzwischen an Werkzeugen hängen, die nie jemand geprüft hat. Das ist die Schatten-KI aus Essay #001 dieses Archivs: dort entsteht sie unbemerkt, hier entsteht sie durch die stille Entscheidung, nicht hinzusehen.
Und die vermeintliche Last der Vordertür ist bei näherem Hinsehen ein Gewinn. Eine Betriebsvereinbarung über KI zwingt zu Festlegungen, die ohnehin getroffen werden müssen: Was darf KI im Unternehmen, was nicht? Welche Daten darf sie sehen? Wer trägt die Verantwortung, wenn sie irrt? Das sind keine arbeitsrechtlichen Formalien, sondern die Grundregeln für den KI-Einsatz. Die braucht jedes Unternehmen, das KI ernsthaft nutzt. Der Betriebsrat erzwingt sie nur dort, wo es ihn gibt. Gebraucht werden sie überall.
Wer entscheidet (auch ohne Betriebsrat)
Welche Tür offensteht, beantwortet keine Abteilung für Sie. Die Personalabteilung verwaltet Verträge, nicht die Frage, womit das Unternehmen arbeitet. Die Rechtsabteilung sagt, was mitbestimmungspflichtig ist, aber nicht, ob Sie eine KI wollen. Und der Betriebsrat bestimmt mit, wie die Vordertür ausgestaltet wird. Ob sie überhaupt geöffnet wird, entscheidet er nicht.
Viele Unternehmen, etwa der Handwerksbetrieb oder die kleine GmbH, haben weder Betriebsrat noch Personalabteilung. Für sie gilt alles hier genauso, nur ohne den rechtlichen Anstoß: Niemand verlangt eine Vereinbarung, niemand pocht auf Mitbestimmung. Das macht die Entscheidung nicht kleiner, sondern größer. Es gibt keinen äußeren Anlass, der die Frage auf den Tisch bringt. Sie müssen sie sich selbst stellen, sonst bleibt die Hintertür offen, weil sie es immer war.
Der Kern ist dieser: Wer nichts tut, hat sich nicht enthalten. Er hat die Hintertür gewählt. Der erste Schritt durch die Vordertür ist klein und kostet noch kein Budget: herausfinden, welche KI-Werkzeuge in Ihrem Unternehmen heute tatsächlich genutzt werden. Danach entscheiden Sie über Werkzeug, Regeln und Accounts, in Kenntnis der Lage statt an ihr vorbei.
— Axel Roth