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Essay #005 · · Lesezeit 5 min · Feld: IT/Digitalisierung · Markt: Mittelstand
Inhalt
  1. Werkzeug oder Architektur: zwei Arten, über IT zu entscheiden
  2. Die vier Schichten agentischer IT
  3. Warum diese Entscheidungen zu Ihnen gehören
  4. Drei Wege, die scheitern
  5. Was stattdessen funktioniert
  6. Der nächste Schritt

Die IT-Frage nach der Agenten-Wende

Essay #005 · 2026 · Lesezeit 5 min · Feld: IT / Digitalisierung · Markt: Mittelstand

Vor dreißig Jahren war die IT-Frage im Mittelstand klar: Welches System kaufen wir, wie führen wir es ein, wer bedient es? Die Antwort war eine Software: eine Warenwirtschaft, eine Buchhaltung, ein CRM. Die IT war ein Werkzeug. Die Geschäftsprozesse blieben, wie sie waren; die Software machte sie schneller.

Mit agentischer IT, also Systemen, die selbstständig Aufgaben erledigen, statt nur Eingaben zu verarbeiten, ändert sich das. Diese Systeme verändern, wie Ihr Unternehmen arbeitet: welche Abläufe es gibt, welche Rollen bleiben, wer was entscheidet. Darum geht es in diesem Essay. Und darum, warum Sie diese Entscheidungen nicht an Ihre IT abgeben können.

Werkzeug oder Architektur: zwei Arten, über IT zu entscheiden

Die Werkzeug-Frage lautet: Welches Problem haben wir, und welches Tool löst es? Die Antwort ist ein Kauf oder eine Eigenentwicklung. Verantwortlich ist die IT-Abteilung oder ein Dienstleister. Die Geschäftsführung genehmigt das Budget und bleibt sonst außen vor. Für klassische IT war das in Ordnung.

Die Architektur-Frage lautet: Was verändert sich in unserem Unternehmen, wenn wir diese Technik fest einbauen? Die Antwort ist kein Kauf, sondern eine Strukturentscheidung. Sie legt fest, welche Arbeitsweisen möglich sind, welche Rollen sinnvoll bleiben, wohin Daten fließen und welche Entscheidungen künftig automatisch fallen.

Agentische IT gehört in die zweite Kategorie. Wer sie wie ein Werkzeug einkauft, trifft Strukturentscheidungen, ohne es zu merken.

Die vier Schichten agentischer IT

Eine tragfähige agentische IT hat vier Schichten. Sie müssen keine davon technisch beherrschen. Sie müssen aber wissen, dass es sie gibt und wer sie in Ihrem Haus verantwortet.

Erste Schicht: die Datenbasis. Welche Daten hat Ihr Unternehmen, und wie kommen Agenten daran? Das klingt einfach. In den Mittelständlern, die ich kenne, ist es das nicht: Die Daten liegen verstreut in ERP, CRM, E-Mail-Postfächern und Excel-Dateien. Bevor Agenten damit arbeiten können, muss jemand Ordnung schaffen. Diese Arbeit verdient Sorgfalt, denn alles Weitere baut darauf auf.

Zweite Schicht: der Modell-Zugang. Welche KI-Modelle setzen Sie ein, zu welchen Bedingungen, mit welchen Zusagen des Anbieters? Diese Schicht ändert sich am schnellsten. Eine langfristige Festlegung auf ein bestimmtes Modell hält deshalb nicht. Halten Sie diese Schicht austauschbar: Ein Modellwechsel darf den Betrieb nicht durcheinanderbringen.

Dritte Schicht: die Orchestrierung. Wie werden mehrere Agenten und Modelle zu durchgehenden Arbeitsabläufen verbunden? Ein einzelner Agent bringt wenig. Mehrere Agenten, die sauber zusammenarbeiten, können einen erheblichen Teil der Büroarbeit übernehmen. Diese Schicht ist die aufwendigste und zugleich die, bei der am ehesten eigene Entwicklungsarbeit nötig wird.

Vierte Schicht: die Governance, also die Regeln für den Einsatz. Wer darf welche Agenten wofür nutzen? Was darf ein Agent allein entscheiden, was muss ein Mensch freigeben? Wie lässt sich später nachvollziehen, was passiert ist? Nach meiner Beobachtung wird diese Schicht am häufigsten vergessen, und ihr Fehlen wird später am teuersten. Datenschutz, Haftung und Compliance hängen genau hier dran.

Warum diese Entscheidungen zu Ihnen gehören

Jede der vier Schichten enthält Entscheidungen, die Ihr Unternehmen dauerhaft prägen.

Die Datenbasis bestimmt, welches Wissen für Agenten nutzbar wird und welches in Silos bleibt. Wer entscheidet, welche Silos aufgelöst werden? Der IT-Leiter? Die Abteilungsleiter? Oder Sie, weil es eine strategische Frage ist?

Der Modell-Zugang bestimmt, von welchen Anbietern Ihr Unternehmen abhängig wird. Lieferanten-Abhängigkeit ist eine klassische Strategiefrage. Wer entscheidet sie?

Die Orchestrierung bestimmt, welche Abläufe automatisiert und damit festgeschrieben werden. Das ist die Frage, wie beweglich Ihr Unternehmen in fünf Jahren noch ist.

Die Governance bestimmt, wie Ihr Unternehmen reagiert, wenn etwas schiefgeht. Solche Regeln entstehen selten vor dem ersten Vorfall. Wer sie nicht setzt, überlässt sie dem Zufall.

Wenn das alles als IT-Entscheidung läuft, hat Ihre IT eine Macht, die ihr nicht zusteht. Das liegt nicht an bösem Willen: Sie ist schlicht die falsche Instanz für Strategiefragen mit langer Wirkung.

Drei Wege, die scheitern

„Das macht unser Dienstleister.” Der Digital-Dienstleister, mit dem Sie seit zehn Jahren arbeiten, soll die agentische Infrastruktur aufbauen. Das ist bequem, weil Vertrauen da ist. Aber der Dienstleister hat eigene Interessen, und die decken sich nicht vollständig mit Ihren. Es liegt nahe, dass er eine Architektur baut, die zu seinem Geschäft passt und nicht unbedingt die, die Ihnen am meisten nützt. Hilfe beim Bau einzelner Schichten ist in Ordnung. Kritisch wird es, wenn derselbe Partner die Architektur-Entscheidung trifft, die er danach selbst umsetzt.

„Wir kaufen eine Suite.” Ein großer Anbieter deckt alle vier Schichten mit einer Komplettlösung ab. Das reduziert die Entscheidung auf eine Unterschrift. Verlockend — aber es ist die tiefste Form von Anbieter-Bindung, die hier möglich ist. Wer alle vier Schichten bei einem Anbieter kauft, gibt seine architektonische Unabhängigkeit ab.

„Wir bauen alles selbst.” Maximale Kontrolle, interner Kraftakt. Das kann in Ausnahmen funktionieren. Nach meiner Einschätzung bindet es aber in den meisten Häusern mehr Leute und Geld, als das Kerngeschäft rechtfertigt. Diese Kapazität fehlt dann woanders.

Was stattdessen funktioniert

Tragfähig ist eine Mischung aus klar definierten Eigenteilen und eingekauften Teilen. Sie entscheiden, welche Schichten Ihr Unternehmen selbst kontrollieren muss und welche es zukaufen kann. Als Faustregel: Die Datenbasis gehört ins Haus. Der Modell-Zugang bleibt austauschbar. Die Orchestrierung ist teils gekauft, teils eigen. Die Governance ist vollständig Ihre Sache.

Diese Aufteilung lässt sich nicht aus einem IT-Konzeptpapier ablesen. Sie müssen verstehen, was jede Schicht leistet und wo die strategischen Hebel liegen. Dafür brauchen Sie kein Informatikstudium, wohl aber Ihre Zeit und Ihre Fragen.

Der nächste Schritt

Die IT-Frage nach der Agenten-Wende ist keine IT-Frage mehr. Sie ist eine Führungsfrage. Wer sie delegiert, delegiert nicht Technik, sondern Strategie.

Ich erwarte: Die Unternehmen, die in fünf Jahren gut dastehen, sind die, deren Geschäftsführung diese vier Schichten verstanden hat. Nicht jede technische Einzelheit muss sie kennen, aber ihre strategischen Folgen.

Konkret heißt das: Setzen Sie die vier Schichten auf die Agenda Ihrer nächsten Strategierunde. Klären Sie für jede Schicht zwei Fragen: Wer verantwortet sie heute? Und ist das die richtige Instanz? Wo die Antwort „unser Dienstleister” oder „niemand” lautet, haben Sie Ihre erste Baustelle gefunden.

— Axel Roth